Europa gilt vielen als wirtschaftlicher Nachzügler – zu langsam, zu bürokratisch, zu abhängig von den USA und China. Ein Blick auf die Zahlen zeigt ein differenzierteres Bild: In mehreren Bereichen ist die EU tatsächlich eine wirtschaftliche Großmacht. Gleichzeitig gibt es reale Schwächen, die nicht kleingeredet werden sollten. Beides gehört in die Betrachtung.
Der größte Binnenmarkt der Welt
Die EU hat 449 Millionen Einwohner und rund 23 Millionen Unternehmen. Sie bilden zusammen den größten einheitlichen Wirtschaftsraum der Welt – auch nach dem Austritt Großbritanniens.
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der EU-27 lag 2025 bei rund 18,8 Billionen Euro, das der Eurozone bei rund 15,9 Billionen Euro. Damit wuchs die Wirtschaft 2025 um etwa 1,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Der Binnenmarkt ist mehr als nur ein politisches Projekt. Er hat einen handfesten wirtschaftlichen Grund: Moderne Industrieproduktion – Autos, Chemie, Stahl, Maschinenbau – lohnt sich erst ab einer bestimmten Stückzahl, weil dann jedes einzelne Produkt billiger wird. Ökonomen nennen das Skaleneffekte. Eine einzelne Autofabrik, wie sie Deutschland, Frankreich oder Italien haben, könnte allein mit dem jeweiligen Heimatmarkt nicht überleben. Erst der gemeinsame Markt mit einheitlichen Normen macht sie konkurrenzfähig, weil sie ihre Produkte an alle 449 Millionen Menschen der EU verkaufen können, ohne für jedes Land eigene Vorgaben erfüllen zu müssen.
| Kennzahl | Wert (2025) |
|---|---|
| Bevölkerung EU-27 | 449 Millionen |
| Unternehmen in der EU | 23 Millionen |
| BIP EU-27 | rund 18,8 Billionen Euro |
| BIP-Wachstum EU-27 | rund 1,5 Prozent |
Europa als Handelsmacht
Zusammengerechnet aus Waren und Dienstleistungen ist die EU der größte Handelsblock der Welt. 2025 hatte sie einen Anteil von schätzungsweise 15,9 Prozent am gesamten Welthandel.
Bei Dienstleistungen ist die EU weltweit die Nummer eins, mit einem Anteil von 22,8 Prozent am globalen Dienstleistungshandel. Beim Warenhandel liegt sie mit 13,5 Prozent knapp hinter China (15 Prozent), aber vor den USA (13,2 Prozent).
Konkret bedeutet das: Der Warenhandel der EU mit Ländern außerhalb der Union betrug 2025 mehr als 5 Billionen Euro – 2,58 Billionen Euro Exporte, 2,49 Billionen Euro Importe. Beim Dienstleistungshandel kamen noch einmal gut 3 Billionen Euro hinzu.
Der Euro auf dem Weg zur zweiten Weltwährung
Der US-Dollar bleibt die dominierende Weltwährung. Ende 2025 lag sein Anteil an den globalen Währungsreserven bei rund 57 Prozent. Der Euro kommt auf rund 20 Prozent und ist damit weiterhin klar die Nummer zwei.
Trotzdem gibt es eine Entwicklung: Der Anteil des Euro an einer breiten Palette von Indikatoren zur internationalen Währungsnutzung ist 2025 leicht gestiegen. Bei Fremdwährungsschulden wuchs der Euro-Anteil deutlich auf rund 30 Prozent. Und erstmals wurde der Euro zur führenden Währung bei internationalen grünen und nachhaltigen Anleihen.
Der Euro ist nach den üblichen Maßstäben die zweitwichtigste Währung der Welt – mit großem Abstand hinter dem Dollar, aber mit wachsender Bedeutung seit dem russischen Angriff auf die Ukraine.
Wo die Stärke Grenzen hat
Diese Zahlen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass Europa wirtschaftlich zurückfällt. Der frühere EZB-Chef Mario Draghi hat das in seinem vielbeachteten Bericht zur Wettbewerbsfähigkeit der EU 2024 offengelegt.
Der Anteil der EU am weltweiten BIP ist von 26,5 Prozent im Jahr 1990 auf heute 16,1 Prozent gesunken – obwohl die Union heute mehr als doppelt so viele Mitgliedstaaten hat wie damals. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt kaufkraftbereinigt rund 34 Prozent unter dem der USA.
Ein zentraler Grund ist die Produktivität: Sie wächst in der EU seit Mitte der 1990er-Jahre langsamer als in den USA und inzwischen auch langsamer als in weiten Teilen Asiens. Die EU investiert zudem nur etwa halb so viel in Forschung und Entwicklung wie die USA. Draghi beziffert den zusätzlichen Investitionsbedarf auf 750 bis 800 Milliarden Euro pro Jahr, um wettbewerbsfähig zu bleiben – deutlich mehr, als der Marshallplan nach dem Zweiten Weltkrieg jährlich umfasste.
Der Druck aus China
Eine konkrete Bedrohung für Europas Industrie kommt aus China. 2024 erreichte der Handel zwischen EU und China ein Volumen von rund 730 Milliarden Euro – bei einem Handelsdefizit der EU von 305 Milliarden Euro. 2025 wuchs dieses Defizit auf 360,6 Milliarden Euro, ein Anstieg von 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Im ersten Halbjahr 2026 legte es noch einmal um 9 Prozent zu.
Die EU-Kommission macht dafür vor allem chinesische Überkapazitäten verantwortlich: Peking produziert nach ihrer Einschätzung gezielt Überschüsse bei Stahl, Autos, Solarmodulen und weiteren Produkten, um europäische Konkurrenten aus strategischen Branchen zu verdrängen. Weil die Nachfrage im eigenen Land schwächelt, drängen chinesische Unternehmen mit günstigen Waren auf den europäischen Markt. Die EU hat deshalb bereits Ausgleichszölle auf chinesische Elektroautos eingeführt und diskutiert über Importquoten und schärfere Handelsschutzverfahren für Chemie-, Stahl-, Maschinenbau- und Automobilbranche. Eine Einigung mit Peking darüber steht noch aus.
Europa als Sehnsuchtsort
Ein weiteres Indiz für Europas Anziehungskraft zeigt sich derzeit in der Migration in die andere Richtung. 2025 verließen laut Schätzungen, über die das Wall Street Journal berichtete, netto rund 150.000 US-Bürger ihr Heimatland – erstmals seit der Großen Depression der 1930er-Jahre wandern mehr Menschen aus den USA aus, als einwandern. Schätzungen zufolge leben inzwischen rund zwei Millionen US-Bürger dauerhaft in Europa, besonders in Portugal, Frankreich, Spanien, Deutschland und den Niederlanden. Allein in Portugal hat sich die Zahl der US-Zuzüge seit 2019 mehr als verdoppelt.
Auch Kanada rückt näher an die EU heran. Umfragen zufolge befürworten inzwischen rund 57 Prozent der Kanadier einen EU-Beitritt ihres Landes, 84 Prozent wollen die Wirtschaftsbeziehungen zur EU ausbauen. Premierminister Mark Carney prüft laut Medienberichten eine engere Assoziierung mit der Union – auch als Reaktion auf den Handelskonflikt mit den USA. Eine formelle EU-Mitgliedschaft Kanadas steht damit nicht bevor, aber die Zahlen zeigen eine deutliche Verschiebung der kanadischen Ausrichtung weg von den USA.
Diese Entwicklungen haben in erster Linie politische und gesellschaftliche Gründe: Polarisierung in den USA, Sorge vor Instabilität, hohe Lebenshaltungskosten, der Wunsch nach mehr Sicherheit und sozialem Zusammenhalt. Sie zeigen trotzdem: Europa wird international zunehmend als stabiler und verlässlicher Standort wahrgenommen – ein Vorteil, der sich langfristig auch wirtschaftlich auszahlen kann, etwa durch Fachkräfte- und Kapitalzuzug.
Fazit
Europas wirtschaftliche Stärke ist real: größter Binnenmarkt, bedeutende Handelsmacht, eine Währung mit wachsendem internationalem Gewicht – und zunehmend auch ein Ort, an den andere ziehen wollen. Genauso real ist der Rückstand bei Produktivität, Innovation und Investitionen gegenüber den USA sowie der wachsende Druck durch chinesische Überkapazitäten. Wer nur die eine Seite erzählt, zeichnet ein falsches Bild – ob als EU-Schönredner oder als Europa-Pessimist.
Quellen
- Rat der EU: Der EU-Binnenmarkt – Vorteile, Fakten und Zahlen
- Rat der EU: Die Rolle der EU im Welthandel
- Rat der EU: Die internationale Rolle des Euro
- Deutsche Bundesbank: Euro spielte 2025 eine etwas größere internationale Rolle
- Deutsche Bundesbank: Der Euro in einer fragmentierten Welt
- Statista: Bruttoinlandsprodukt in EU und Eurozone bis 2025
- Wikipedia: Draghi-Report (Zusammenfassung mit Quellenverweisen)
- BDI: Die Wettbewerbsfähigkeit Europas – eine Bewertung des Draghi-Berichts
- WirtschaftsWoche: EU-Gipfel – Brüssel ringt um China-Kurs
- Bundeskanzleramt Österreich: 25. EU-China-Gipfel
- Telepolis: Die stille Auswanderung der USA (nach WSJ-Berichterstattung)
- Trend Report: US-Amerikaner zieht es nach Europa
- Euronews: Kanada als 28. EU-Mitglied?
- Katapult-Magazin: Kanada für EU-Beitritt