Das vierte Rad

Platten

Warum die Energiewende die Lösung ist – und warum sie nur funktioniert, wenn man sie zu Ende baut

Stell dir vor, du baust ein Auto. Drei Räder sind angeschraubt, das vierte fehlt noch. Das Auto kippelt. Es fährt nicht. Was tust du?

Die vernünftige Antwort liegt auf der Hand: Du baust das vierte Rad an. Dann fährt das Auto.

Es gibt aber auch eine andere Antwort, die in den letzten Monaten in der deutschen Energiedebatte erstaunliche Konjunktur hat. Sie lautet: Wenn das vierte Rad fehlt, schraube auch die anderen drei wieder ab. Dann kippelt es nicht mehr. Stimmt. Es fährt dann auch nicht mehr. Aber wenigstens kippelt es nicht.

Genau an diesem Punkt steht die Bundesrepublik gerade in der Energiepolitik. Und es lohnt sich, einmal in Ruhe zu betrachten, woher die Verwirrung kommt – und warum sie sich mit ein paar nüchternen Fakten auflösen lässt.

Worüber wir eigentlich reden

Am 1. Mai 2026 fiel der deutsche Börsenstrompreis im Intraday-Markt auf minus 855 Euro pro Megawattstunde. Es war der tiefste Wert, den das deutsche Stromsystem je erreicht hat. Auf Social Media überschlugen sich die Empörungswellen: „Strom-Geschenk ans Ausland!", „Steuerzahler zahlen Milliarden!", „Energiewende gescheitert!".

An Ostersonntag, knapp einen Monat zuvor, hatten die Erneuerbaren Energien 175 Prozent des deutschen Strombedarfs gedeckt. Deutschland produzierte fast doppelt so viel sauberen Strom, wie es verbrauchte. Die Stromampel des Fraunhofer ISE stand auf Tiefgrün.

Das sind die Fakten. Wer sie als Krisenanzeichen interpretiert, hat das System missverstanden. Strom im Überfluss ist nicht das Problem. Strom im Überfluss ist das Ziel der gesamten Energiewende. Wir hatten als Land seit Jahrzehnten genau diesen Zustand angestrebt: eine saubere Stromversorgung, die nicht von den Launen Putins, der Saudis oder der globalen Rohstoffmärkte abhängt.

Wir haben es geschafft. Über 60 Prozent unseres Stroms kommen mittlerweile aus erneuerbaren Quellen. Das ist die gute Nachricht.

Die schlechte Nachricht: Wir haben das System gebaut, das diesen Strom erzeugt – aber wir haben das System nicht gebaut, das diesen Strom aufnimmt, speichert und intelligent verteilt. Drei Räder. Das vierte fehlt.

Warum negative Strompreise kein Versagen sind

Ein Marktpreis ist ein Signal. Negative Strompreise sind das eindeutigste Signal, das ein Markt senden kann: Hier ist gerade so viel von einem Gut da, dass derjenige, der es nimmt, dafür belohnt werden muss.

Auf jedem normalen Markt würde dieses Signal sofort zu Reaktionen führen. Speicher würden sich vollladen. Industriebetriebe würden energieintensive Prozesse vorziehen. Elektroautos würden tanken. Wärmepumpen würden Pufferspeicher aufheizen. Wasserstoff-Elektrolyseure würden auf Hochlast fahren.

In Deutschland passiert all das nur in homöopathischen Dosen. Warum? Weil die Infrastruktur fehlt, die das Marktsignal in Verhalten übersetzt:

  • Nur 5,5 Prozent der deutschen Haushalte haben einen Smart Meter. In Österreich sind es über 95 Prozent. Ohne Smart Meter kein dynamischer Stromtarif. Ohne dynamischen Tarif keine Reaktion auf den Preis.
  • Großbatteriespeicher werden langsamer hochgefahren als möglich, weil aktuelle Regelwerke fossile Gaskraftwerke begünstigen.
  • Die Stromnetze sind nicht für die geografische Realität der Erneuerbaren ausgelegt. Im Norden Wind, im Süden die Industrie – aber die Leitungen dazwischen fehlen seit zwei Jahrzehnten.

Wer in dieser Lage einen Smart Meter und einen dynamischen Tarif hat, lebt bereits in der Zukunft. Kunden des Anbieters Octopus Energy bekamen am 1. Mai 2026 zwischen 13 und 14:30 Uhr über 42 Cent pro Kilowattstunde gutgeschrieben, dafür dass sie Strom verbrauchten. An Ostersonntag konnte ein Elektroauto in der Mittagszeit für 4 Cent pro Kilowattstunde geladen werden – eine volle Ladung für unter vier Euro.

Das ist nicht Theorie. Das ist Realität für eine Minderheit von Verbraucher:innen, die Glück mit ihrem Wohnort und Stromanbieter haben. Es könnte für alle Realität sein.

Träge Großkraftwerke verschärfen das Problem, lösen es nicht

An dieser Stelle melden sich regelmäßig Stimmen, die behaupten, die Lösung läge in einem Comeback der „grundlastfähigen" Großkraftwerke – Kohle, gerne auch Kernenergie. Das Argument klingt intuitiv: Wenn das Netz wackelig ist, brauchen wir wieder verlässliche, große Kraftwerke.

Es ist falsch. Und es lässt sich am Beispiel Frankreich präzise zeigen.

Am gleichen 1. Mai 2026, an dem in Deutschland die Negativpreise Schlagzeilen machten, fiel der französische Strompreis sogar noch tiefer. Frankreich hat einen Atomstromanteil von rund 70 Prozent. Kernkraftwerke sind extrem träge – sie lassen sich nicht mal eben für vier Stunden abschalten und dann wieder hochfahren. Sie produzieren weiter, auch wenn der Markt keine Abnahme will. Das Resultat: Französischer Atomstrom wurde mit minus 500 Euro pro Megawattstunde verkauft, während der französische Staat dem Betreiber EDF rund 70 Euro pro Megawattstunde garantiert. Die Differenz – über 500 Euro pro Megawattstunde – trägt der französische Steuerzahler.

Träge Großkraftwerke machen das Problem negativer Strompreise nicht kleiner. Sie machen es größer. Sie sind das Gegenteil dessen, was ein flexibles, modernes Stromsystem braucht.

Auch beim spanischen Blackout vom April 2025 zeigte sich diese Logik. Der ENTSO-E-Abschlussbericht vom März 2026 kommt nach 472 Seiten Untersuchung zu einem klaren Befund: Ursache war ein Versagen der Spannungsregelung im Übertragungsnetz, nicht ein Zuviel an Solarstrom. Beim Wiederhochfahren des Netzes waren PV- und Windanlagen sofort am Netz. Kernkraftwerke brauchten über 30 Stunden, bis sie wieder einsatzbereit waren.

Was Stromnetze stabil macht, ist nicht Trägheit. Es ist Reaktionsfähigkeit. Und die liefert kein Atomkraftwerk.

Das vierte Rad besteht aus drei Teilen

Was Deutschland fehlt, lässt sich klar benennen:

Erstens: Netzausbau. Der Erneuerbaren-Zubau ist seit Jahren schneller gelaufen als der Netzausbau. Das ist kein Naturgesetz. Es ist die Folge davon, dass Verteilnetzbetreiber in den letzten Jahren zweistellige Renditen an ihre Eigentümer ausgeschüttet haben, statt Netze zu bauen. Wenn jene, die für Engpässe Entschädigungen kassieren, dieselben sind, die die Engpässe beheben sollen, sind die Anreize systematisch falsch gesetzt. Hier braucht es regulatorische Korrekturen, nicht weniger Erneuerbare.

Zweitens: Speicher. Großbatteriespeicher sind die wichtigste neue Technologie im Stromsystem. Sie können das, was kein Gaskraftwerk der Welt kann: Sie nehmen Überschüsse auf und geben Strom ab, wenn er gebraucht wird. Sie reagieren in Millisekunden. Sie produzieren keine Emissionen. Sie sind nicht von importierten Brennstoffen abhängig. In Texas machen Batterien mittlerweile über die Hälfte der Kapazitäten aus, die der dortige Netzbetreiber zur Stabilisierung des Netzes nutzt – und der Hochlauf dort hat erst vor wenigen Jahren begonnen. Pro Jahr haben Großbatterien gegenüber neuen Gaskraftwerken laut Branchenanalysen einen Förderkostenvorteil von über 160 Millionen Euro. Sie sind schlicht die billigere und bessere Technologie.

Drittens: Flexibilität auf der Verbraucherseite. Smart Meter, dynamische Tarife, dynamische Netzentgelte, regionale Großhandelspreise, Reform der Industrie-Netzentgelte. Diese Liste ist nicht neu. Der Energieökonom Lion Hirth hat sie seit Jahren formuliert. Bewegung gibt es überall, aber zu langsam. Der Smart-Meter-Rollout schreitet voran, langsam, aber er schreitet. Das Solarspitzengesetz hat für Neuanlagen Stoßdämpferregeln eingeführt. Es ist nichts dabei, was nicht ginge. Es ist alles dabei, was schneller gehen müsste.

Diese drei Felder sind das vierte Rad. Wer sie ausbaut, bekommt ein Stromsystem, das mit dem Erneuerbaren-Überschuss umgehen kann. Das aus Negativpreisen wirtschaftliches Wachstum macht. Das billiger ist als das, was wir heute haben. Und das uns von autoritären Rohstofflieferanten unabhängig macht.

Wer profitiert von der Unvollständigkeit?

An dieser Stelle stellt sich eine unbequeme Frage. Wenn die Lösung so eindeutig ist – warum dauert die Umsetzung so lange? Warum ringt Deutschland um jeden Smart Meter, jedes Speicherprojekt, jeden Kilometer Stromtrasse, während andere Länder voranschreiten?

Die Antwort ist nicht angenehm, aber notwendig. Es gibt Akteure, die vom unvollständigen Zustand profitieren. Verteilnetzbetreiber, die für Engpässe Entschädigungen kassieren. Großversorger, deren Geschäftsmodell auf zentralen Strukturen basiert und deren Marktmacht durch Millionen dezentraler Erzeuger und Speicherbetreiber bedroht ist. Anbieter fossiler Brennstoffe, die jeden Tag, an dem ihre Gaskraftwerke laufen, Geld verdienen. Berater und Lobbyverbände, deren Daseinszweck darin besteht, Reformen zu verzögern.

Diese Akteure verfügen über erheblichen politischen Einfluss. Sie haben gute Verbindungen, gute Anwälte, gute Pressestellen. Sie haben Argumente, die intuitiv klingen: Erst die alten Strukturen erhalten, dann vorsichtig modernisieren. Sie operieren oft mit den Begriffen „Versorgungssicherheit", „Bezahlbarkeit", „Technologieoffenheit". Wer diese Begriffe hört, sollte zuhören – aber auch fragen, wessen Versorgung gesichert wird, wessen Bezahlbarkeit gemeint ist, und wessen Technologien offen gehalten werden sollen.

Und es gibt eine Erzählung, die ihnen die Arbeit abnimmt: Die Behauptung, die Erneuerbaren selbst seien das Problem. Diese Behauptung ist faktisch falsch, aber emotional anschlussfähig. Wer hohe Stromrechnungen hat, ist empfänglich für „die Erneuerbaren sind schuld". Auch wenn die korrekte Antwort lautet: Die hohe Rechnung kommt daher, dass wir den billigen erneuerbaren Strom nicht intelligent nutzen können, weil das vierte Rad fehlt.

Was es braucht

Die ehrliche Diagnose ist nicht spektakulär. Sie ist banal. Wir sind 80 Prozent angekommen. Die Stromerzeugung funktioniert. Was fehlt, ist die unsexy Hälfte der Energiewende: Leitungen, Speicher, Software, Smart Meter, dynamische Tarife, Netzentgeltreform.

Diese Aufgaben sind technisch gelöst. Sie sind politisch zu lösen. Sie kosten Geld, aber weniger als der Status quo. Sie schaffen Wertschöpfung im Inland, statt Geld an Gas- und Öl-Exporteure zu überweisen. Sie machen Deutschland krisenfester, nicht anfälliger.

Wer in dieser Lage ernsthaft vorschlägt, zurückzudrehen – mehr Kohle, neue Atomkraftwerke, weniger Solarausbau, weniger Speicherförderung – tut so, als sei das Problem die Existenz der drei vorhandenen Räder. Es ist aber das fehlen des vierten.

Das Auto kippelt nicht, weil es zu viele Räder hat. Es kippelt, weil eines fehlt. Wer in dieser Situation auch noch die anderen abschraubt, bleibt nicht stehen, weil das Kippeln ihn stört. Er bleibt stehen, weil er gar nicht erst losfahren wollte.

Die Energiewende ist nicht das Problem, sie ist die Lösung. Sie funktioniert. Sie senkt Preise – die durchschnittlichen Haushaltsstrompreise sind seit Januar 2026 wieder deutlich gesunken. Sie macht uns unabhängiger. Sie macht uns sauberer. Aber sie funktioniert nur dann vollständig, wenn man sie auch vollständig baut.

Das vierte Rad anbauen. Nicht die anderen drei abschrauben.

So einfach ist es. Und so schwer.

Quellen (Auswahl)

  • ENTSO-E, Abschlussbericht zum iberischen Blackout (20.03.2026)
  • Fraunhofer ISE, Transformation 100 % Erneuerbare für Städte und Regionen
  • Fraunhofer Energy-Charts (energy-charts.info)
  • Cleanthinking, Strom im Überfluss: Was an Ostern 2026 im Stromnetz passiert
  • Cleanthinking, PV-Anlagen abschalten – 1. Mai 2026: Minus 855 Euro im Intraday-Markt
  • Cleanthinking, Spaniens Blackout: Batterien als Schlüssel zur Energiewende
  • Cleanthinking, Strompreis-Sonntag: Minus 480 Euro pro Megawattstunde
  • Lion Hirth (Hertie School), Sechs-Punkte-Programm zur Stromsystem-Flexibilisierung
  • Next Kraftwerke, Was sind negative Strompreise und wie entstehen sie?
  • Jan Rosenow (Oxford / Regulatory Assistance Project), Analysen zum Texas-Speichermarkt