Die Rechnung ist einfach, aber brutal: Wer heute noch eine Gasheizung einbaut, läuft direkt in eine Kostenfalle. Eine neue Fraunhofer-Studie zeigt erstmals, wie dramatisch die Netzentgelte bis 2045 explodieren werden.
Die Gaslobby hat gut gearbeitet. Jahrelang verkaufte sie "H₂-ready"-Heizungen als Brückentechnologie, versprach den reibungslosen Umstieg auf Wasserstoff, beruhigte besorgte Hausbesitzer. Und viele glaubten daran. Doch jetzt platzt die Blase – mit einer Wucht, die selbst Experten überrascht hat.
Eine neue Studie des Fraunhofer-Instituts für Fertigungstechnik und Angewandte Materialforschung (IFAM) im Auftrag des Umweltinstituts München, Protect the Planet, GasWende und dem Deutschen Naturschutzring rechnet vor, was auf Gaskunden in den nächsten 20 Jahren zukommt. Die Botschaft ist eindeutig: Wer beim Gas bleibt, zahlt drauf. Massiv.
Die Netzkosten-Spirale dreht sich
Aktuell zahlt ein durchschnittlicher Drei-Personen-Haushalt etwa 300 bis 400 Euro pro Jahr für das Gasnetz – rund 20 Prozent der Gesamtkosten. Das klingt überschaubar. Doch diese Zahl wird sich vervielfachen. Die Fraunhofer-Forscher rechnen mit bis zu 4300 Euro jährlich für die Netzentgelte bis 2045. Eine Verzehnfachung.
Der Grund ist simpel: Das Gasnetz wird zu groß für zu wenige Nutzer. Jeden Tag steigen mehr Haushalte aus – auf Wärmepumpen, Fernwärme, andere Lösungen. Die Kosten für den Betrieb der Leitungen, Verdichterstationen und Speicher bleiben aber gleich. Sie müssen nur auf immer weniger Schultern verteilt werden. Ein Teufelskreis, der bereits 2026 spürbar wird: Für nächstes Jahr haben die Netzbetreiber im Durchschnitt bereits eine Erhöhung um zehn Prozent angekündigt.
Diese Erhöhungen werden sich beschleunigen. Je mehr Menschen aussteigen, desto teurer wird es für die Verbleibenden. Besonders dramatisch in den Jahren vor 2045, wenn nur noch eine kleine Minderheit mit Gas heizt, aber ein überdimensioniertes Netz am Laufen gehalten werden muss.
Stadtwerke ohne Plan
Eigentlich könnten Stadtwerke die Kosten dämpfen – wenn sie jetzt einen geordneten Rückzug aus der Gasversorgung planen würden. Wer früh anfängt, wenig genutzte Netzteile schrittweise außer Betrieb zu nehmen, spart Millionen. Die Fraunhofer-Studie zeigt: Bis 2027 muss dieser Plan stehen. Danach wird es zu spät sein, die Kostenwelle noch abzumildern.
Doch die meisten Stadtwerke zögern. Verständlich: Gasnetze sind bislang Cashcows, niemand gibt sie gern auf. Und die Politik? Die schickt widersprüchliche Signale. Einerseits dürfen Stadtwerke künftig Gasnetze stilllegen und neue Anschlüsse verweigern. Andererseits will die Union unter Friedrich Merz das Heizungsgesetz kippen und damit vermutlich weiterhin den Einbau von Gasheizungen erlauben. Ein absurder Widerspruch, der Menschen direkt ins finanzielle Desaster lockt.
Die Wasserstoff-Lüge
Parallel dazu läuft die Wasserstoff-Saga weiter. Hersteller werben mit "H₂-ready"-Heizungen, Installateure preisen sie als zukunftssicher an. Doch die Realität sieht anders aus: Eine Studie der Fraunhofer-Institute IEG und ISI im Auftrag von Gaswende und Greenpeace kommt zu einem vernichtenden Urteil. Heizen mit Wasserstoff wird zwischen 74 und 172 Prozent teurer als fossiles Gas.
Konkret: Eine vierköpfige Familie zahlt heute etwa 2056 Euro pro Jahr für Gas. Mit Wasserstoff würden daraus 2035 zwischen 3587 und 5596 Euro – ohne Steuern und Umlagen. Die Wasserstoffbezugskosten liegen bei 21,4 bis 33,3 Cent pro Kilowattstunde. Zum Vergleich: Die Gaspreisbremse während der Energiekrise lag bei 12 Cent.
Dazu kommen versteckte Kosten: "H₂-ready" ist kein geschützter Begriff und bezieht sich oft nur auf eine Beimischung von maximal 20 Prozent Wasserstoff. Für 100 Prozent braucht es Umrüstungen – an der Heizung, am Gaszähler, oft auch an Leitungen und Dichtungen. Kosten: mehrere hundert bis über tausend Euro.
Die Fraunhofer-Forscher sind sich einig: Versorgungsunternehmen werden wegen der hohen Preise schlicht keinen Wasserstoff für Endkunden anbieten. Es rechnet sich nicht. Wer heute eine "H₂-ready"-Heizung kauft, investiert in eine Technologie ohne Zukunft.
Die CO₂-Rechnung kommt obendrauf
Als wären explodierende Netzkosten nicht genug, treibt auch der CO₂-Preis die Gasrechnung nach oben. Seit Januar 2025 liegt er bei 55 Euro pro Tonne – zehn Euro mehr als 2024. Und er wird weiter steigen müssen, wenn Deutschland seine Klimaziele erreichen will. Für einen Vier-Personen-Haushalt bedeutet das bereits jetzt über 100 Euro Mehrkosten pro Jahr.
Die Europäische Zentralbank prognostiziert zwar sinkende Großhandelspreise für Gas – von 38 Euro pro Megawattstunde 2025 auf 29,3 Euro 2027. Doch diese Entlastung verpufft. Der Endkundenpreis wird durch Netzkosten, Steuern und Abgaben dominiert. Auch wenn das Gas selbst günstiger wird, die Rechnung steigt trotzdem.
Stilllegung vor 2045
Besonders perfide: Gaskunden müssen nicht nur mit steigenden Kosten rechnen, sondern auch damit, dass ihr Anschluss vorzeitig gekappt wird. Die neue Gesetzgebung erlaubt Stadtwerken, Netzteile stillzulegen, lange vor 2045. Vor allem in Kommunen und Bundesländern, die früher klimaneutral sein wollen, wird es schnell gehen.
Wer dann noch eine Gasheizung hat, muss auf eigene Kosten umrüsten. Die teure "H₂-ready"-Heizung? War umsonst. Die Hoffnung auf günstigeren Wasserstoff? Eine Illusion. Das gesamte Kostenrisiko tragen die Hausbesitzer und Mieter allein. Einen rechtlichen Schutz gibt es nicht.
Die Alternative heißt Wärmepumpe
Die Fraunhofer-Studien machen aber auch klar: Es gibt einen Ausweg. Wärmepumpen sind etwa fünfmal effizienter als das Heizen mit Wasserstoff. Auch Fernwärme ist in den meisten Szenarien wirtschaftlicher – und verlässlicher als die Gas-Wasserstoff-Illusion.
Die Verbraucherzentrale bringt es auf den Punkt: Wer heute auf H₂-ready-Heizungen setzt, läuft in eine Kostenfalle. Verbraucher brauchen verlässliche, bezahlbare und klimafreundliche Lösungen – keine teuren Versprechen mit ungewissem Ausgang.
Chaos durch falsche Politik
Das eigentliche Skandal ist die Politik. Während die Studienlage eindeutig ist, plant die mögliche künftige Regierung unter Friedrich Merz, das Heizungsgesetz abzuschaffen. Gleichzeitig sollen Stadtwerke Gasnetze stilllegen dürfen. Wer soll da noch durchblicken? Wer trägt die Verantwortung, wenn Tausende Haushalte in der Kostenfalle sitzen?
Die Süddeutsche Zeitung fasst die Studienergebnisse nüchtern zusammen: Eigentlich ist die Rechnung ganz einfach. Schon jetzt steigen immer mehr Haushalte um. Ab 2045 müssen alle raus aus dem Gas. In den letzten Jahren vor diesem Stichtag bleibt ein überdimensioniertes Netz übrig – und astronomische Kosten für die letzten Nutzer.
Zeit zu handeln
Die Fraunhofer-Studie ist ein Weckruf. Nicht nur für Hausbesitzer, die jetzt über eine neue Heizung nachdenken. Sondern auch für Stadtwerke, die endlich Ausstiegspläne vorlegen müssen. Und vor allem für die Politik, die aufhören muss, widersprüchliche Signale zu senden.
Die Zeit des billigen russischen Gases ist vorbei. Die neuen Lieferquellen – hauptsächlich Flüssigerdgas aus den USA – sind teurer und bleiben es. Die Wasserstoff-Versprechen der Gasindustrie sind Luftschlösser. Und die Netzkosten werden explodieren, egal wie sehr man daran glauben möchte, dass es doch noch irgendwie funktioniert.
Wer heute noch in eine Gasheizung investiert – ob mit oder ohne "H₂-ready"-Label – muss wissen: Das wird richtig teuer. Die Frage ist nicht mehr, ob man aussteigt. Sondern nur noch, wann. Und je früher, desto günstiger.
Die vollständige Fraunhofer-IFAM-Studie ist auf der Website des Umweltinstituts München verfügbar. Sie sollte Pflichtlektüre für jeden werden, der noch mit Gas heizt oder darüber nachdenkt, eine Gasheizung einzubauen. Denn eines ist nach dieser Studie klar: Die 4000-Euro-Falle ist real. Und sie schnappt zu.